Rotraut Susanne Berner im Interview

Rotraut Susanne Berner

Die Illustratorin Rotraut Susanne Berner lebt in München. © Manu Theobald

Rotraut Susanne Berner hat mit ihren Wimmelbüchern eine neue Stadt voller Geschichten erschaffen. Auch wir sind von ihren Büchern begeistert und freuten uns umso mehr als die weltweit bekannte Illustratorin unserer Interview-Anfrage zugesagt hat. Und das pünktlich zum großen Jubiläumsjahr.  Im August wird Rotraut Susanne Berner 70. Im Interview erklärt die Illustratorin, wie lang es dauert bis ein Bild entsteht und sie überrascht uns! Denn: Sie verrät, warum es für sie anstrengend war, die Wimmelbücher zu zeichnen, welches Geheimnis nur sie aus Wimmlingen kennt und ob es jemals wieder Nachschub für Wimmlingen-Fans geben wird. Viel Spaß mit unserem exklusiven Interview mit Rotraut Susanne Berner.

Rotraut Susanne Berner über die Furcht vorm weißen Papier, ein Geheimnis aus Wimmlingen und über Bashing

Kinderbuch-Fuchs: Hallo Frau Berner. Ich freue mich sehr, dass ich ausgerechnet mit Ihnen eins der ersten Interviews für den Kinderbuch-Fuchs führen darf.  Mich interessiert besonders, wie ein Bild fürs Wimmelbuch entsteht. Wie können wir uns vorstellen. Sitzen Sie vor einem weißen Blatt Papier und grübeln?
Rotraut Susanne Berner: Nein, vorher putze ich vielleicht erst einmal die Fenster. Ich gehöre nicht zu den disziplinierten Zeichnern, die sich morgens hinsetzen und acht Stunden arbeiten. Für mich ist ein Bild ein Prozess, der erst einmal im Kopf stattfindet. Die Furcht vor dem weißen Papier liegt darin, dass man sich mit dem ersten Strich schon festlegt.  Vorher gibt es Millionen von Möglichkeiten. Doch sobald man anfängt, schränkt man sich zwangsläufig ein.

„Es war anstrengend, die Bücher zu zeichnen“

Wimmelbuch von Rotraut Susanne Berner

Mit den Jahreszeiten Wimmelbüchern ist Rotraut Susanne Berner weltweit bekannt geworden. © Gerstenberg Verlag

Kinderbuch-Fuchs: Die Bilder im Wimmelbuch sind sehr umfangreich. Das dauert wahrscheinlich ewig, oder?
Rotraut Susanne Berner: Ja, das Wimmelbuch ist eher untypisch für mich. Im Laufe von 40 Jahren habe ich ein sehr umfangreiches Werk geschaffen. Meine Bilder sind eigentlich lässiger, knapper, pointierter. Die Wimmelbücher sind so gesehen auch Sachbücher. Sie versuchen eine wirkliche Welt abzubilden. Ein Beispiel: Ich zeichne einen Bagger. Zunächst muss ich recherchieren wie ein Bagger wirklich aussieht. Kinder sind da gnadenlos. Mir könnte die Zeichnung um die Ohren fliegen, wenn etwas nicht stimmt. Normalerweise bediene ich mich aber aus meiner Fantasie. Deswegen war es sehr anstrengend, die Wimmelbücher zu zeichnen.

 

Die Wimmelbücher als Roman für Kleinkinder

Kinderbuch-Fuchs: Ihre Bilder sind sehr detailliert …-
Rotraut Susanne Berger: Ja, das ist wichtig bei Wimmelbüchern. Ich habe mich für die Technik Zeichnen und nicht fürs Malen entschieden, das dient unter anderem auch der Lesbarkeit. Meine Welt ist kontrolliert und hat eine Umrisslinie. Ich habe auch einen anderen Blickwinkel als beispielsweise Ali Mitgutsch. Ich schaue immer aus der gleichen Distanz und nicht wie Mitgutsch aus dem 45-Grad-Winkel auf die Welt – ein bisschen von oben. Bei mir sitzt der Betrachter in der Zuschauertribüne und schaut auf Kulissen. Es gibt keine Perspektive. Die Geschichte steht im Vordergrund.

Kinderbuch-Fuchs: Um auf die Frage zurückzukommen – Können Sie uns konkret sagen, wie lange es gedauert hat bis ein Bild im Wimmelbuch fertig war?
Rotraut Susanne Berner: (lacht) Ich kann Ihnen sagen, dass ich in dieser Zeit sehr gelitten habe. Aber es hat sich gelohnt. Das Winterbuch war ja das Erste. Ich musste erst einmal das Gesamt-Panorama entwickeln, musste also mit dem Verlag die Schauplätze festlegen. Meine Idee war, dass das Ganze ein einziges Bild ist. Ein Bild, das sich im Kreis schließt. Der Kirschbaum auf der ersten Seite links ist der gleiche wie am Ende im Park. Lassen Sie mich zurückblicken: Das Winter-Wimmelbuch ist im heißen Sommer 2003 entstanden. Ich saß bei über 30 Grad in meinem Atelier und die Situation fühlte sich absolut surreal an. Es war heiß, alle Ventilatoren waren ausverkauft und ich zeichnete Schneeflocken. Ich musste erst einmal die Situationen und Landschaften entwerfen. Die Idee war, dass sich die Hauptgeschichte vorne auf der Straße abspielt,  auf einer Art von Laufband. Davon ausgehend habe ich ein Drehbuch geschrieben. Ich habe die Personen und Begegnungen festgelegt. Erst dann entstanden die analogen Bilder auf dem Papier. Ab diesem Zeitpunkt habe ich für ein Bild zwei bis drei Wochen gebraucht. Beim nächsten Buch hatte ich noch nicht im Blick, was alles passieren würde. Im Laufe der Arbeit bis 2007 wusste ich, dass zum Beispiel das Kind der schwangeren Frau geboren und der Kindergarten fertig gebaut wird. Plötzlich kamen aber auch neue Personen ins Spiel – z.B. Nonnen. Ich arbeitete neben einer Kita, die von Nonnen geführt wurde und so entwickelten die Wimmelbücher nach und nach eine Eigendynamik. Ich habe auch Leute eingebaut, die ich kannte. Mein Mann spielt eine große Rolle. Er ist Buchhändler in Wimmlingen. Zusammen mit der Lektorin habe ich festgelegt, wie die Geschichte weitergeht. Damit auch für Jungs speziell etwas passiert, sollte zum Beispiel ein Auto brennen. Wobei meine Welt ansonsten natürlich eher lieb ist. Sie ist nicht heil, sondern lieb. Die Kinder sind 1,5 bis vier Jahre alt. Ich bezweifle den Sinn von Problemdarstellungen in diesem Kontext und Medium:  Im Nacht-Buch gibt es einen Einbruch, der sich aber schnell aufklärt. Die Wimmelbücher sollen ein Roman für Kinder sein, die noch nicht lesen können.

Ihre Bücher sind klassisch-aktuell

Kinderbuch-Fuchs: Wenn Sie die Bücher heute zeichnen würden, würden Sie etwas anders machen?
Rotraut Susanne Berner: Ja,  die Welt wäre sicher viel digitaler. Es würde mehr Handys geben. Wahrscheinlich hätte sich auch die Kleidung geändert. Der Topos und die Erzählstränge sind aber klassisch und passen in jede Zeit. „Boy meets Girl“, Hunde, Katzen, Bettler, ein verlorenes Kind, es gibt ein Theater und ein Museum: All diese Themen sind immer aktuell.

Kinderbuch-Fuchs: Es gibt nur ein Handy im Wimmelbuch, oder?

Rotraut Susanne Berner: Nein, ganz so altmodisch ist es dann doch nicht: Elke und Manfred telefonieren durchs ganze Herbstbuch miteinander, ohne zu wissen, dass sie nur ein paar Meter voneinander entfernt sind, ein Mann telefoniert auf der Rolltreppe,ein anderer auf dem Marktplatz, eine Frau auf dem Bahnhof. und ein Mann sitzt mit Handy und Laptop im Park. Es gab damals schon Handys, aber eben noch keine Smartphones. Auf der Straße tippten die Menschen nicht auf den Handys herum.

Politisch zu korrekt? Wimmlingen-Bashing aus den USA

Kinderbuch-Fuchs: Frau Berner, wenn etwas erfolgreich ist, dann hagelt es auch Kritik. Das mussten Sie auch erfahren…

Rotraut Susanne Berner: Ja, in Amerika gab es ein wahres Bashing wegen angeblich sexuell anstößiger Darstellungen im Ausstellungsraum im  Winterbuch (dort steht eine Statue von einem nackten Mann und es hängt ein Bild von einer nackten Frau an der Wand, Anmerkung der Redaktion). Hier gab es zum Beispiel Vorwürfe, dass zu wenig Ausländer zu sehen sind und andererseits dass es in Wimmlingen politisch zu korrekt zugeht. Es hieß dann, die Autorin habe sich bemüht, einen Behinderten und einen Schwarzen einzubauen. Man kann es eben nicht richtig machen, und es ist auch nicht das, was mich besonders interessiert. Ich habe darüber nachgedacht, was man auf der Straße sieht und was interessant für Kinder ist. Deswegen gibt es einen Rollstuhlfahrer, einen Inder mit einem Turban und Frauen mit Kopftüchern. Mir wurde auch vorgeworfen, dass es zu viele Kirchen gibt. Aber unser Land ist eben geprägt von Kirchtürmen. 

Kinderbuch-Fuchs: Welche ist eigentlich Ihre Lieblingsfigur in den Wimmelbüchern?

Rotraut Susanne Berner: Oskar vielleicht – der Mann mit der Gans. Oskar ist plötzlich aufgetaucht. Ich mag ihn so gerne, weil er so unerklärt ist. Wir wissen nicht, wo er wohnt und woher er kommt und hingeht. Das finde ich schön.

Kinderbuch-Fuchs: Sind Sie selbst auch im Buch?
Rotraut Susanne Berner: Es gibt eine Susanne, die als Running Gag immer ihre Hüte verliert. Ich verliere auch immer Mützen. Aber ich fahre nicht Roller (lacht). Den Buchhändler Armin mag ich auch sehr gerne. Das ist bzw. war mein Mann. Ich bin ja leider verwitwet.

Geheimnis aus Wimmlingen „Dieses Phänomen kenne nur ich“

Kinderbuch-Fuchs: Ist Ihnen mal im Nachhinein aufgefallen, dass Sie einen logischen Fehler gemacht haben?
Rotraut Susanne Berner: Ja, obwohl das kein eigentlicher Fehler ist:  Ich hatte ja vorhin erzählt, dass das Buch im Kreis aufgebaut ist. Die Geschichte läuft von links nach rechts. Anders würde es nicht gehen, sonst würde man sich selbst begegnen. In einem Buch läuft Andrea, eine ältere Frau zum Bus um in den Park zu fahren. Eigentlich könnte sie links aus der Tür heraus und sie wäre da. Dieses Phänomen kenne nur ich (lacht). Es gibt aber auch wirkliche „Fehler“. Die Kinder haben sie meistens entdeckt. Die Fehler wurden später korrigiert, deswegen findet man sie heute nicht mehr. Das Mädchen Lene zum Beispiel rennt im Winter runter und lässt ein Handschuh oben auf dem Küchentisch liegen. Und irgendwann hatte sie plötzlich wieder beide Handschuhe an. Es gibt auch zahlreiche Fragen, die offen bleiben: Zum Beispiel wissen wir nicht, wie es ausgeht als das Kind am Bahnhof seine Mama verliert oder warum ein Mann eine Leiter trägt. Es ist eben nicht alles erklärlich und auch im wahren Leben sehen wir nur einen kurzen Ausschnitt.


Kinderbuch-Fuchs: Meine Kinder mögen Elke und Manfred sehr gerne und wir fragen uns, ob die beiden irgendwann ihr Baby bekommen. Geht die Geschichte weiter?
Rotraut Susanne Berner: Nein, es geht nicht mehr weiter. Ich habe einen Punkt gemacht. Es ist ein strenges Konzept. Das Nacht-Wimmelbuch kam später noch nach. Das hat sich mir logisch erschlossen, weil die Tageszeit Nacht noch fehlte.

 Ein Wimmlingen-Geburtstagsbuch ist bereits in Arbeit

Kinderbuch-Fuchs: Können wir denn noch auf ein Geschichten-Buch hoffen so wie „Das Wimmlinger Geschichtenbuch“?
Rotraut Susanne Berner: Ja, es gibt auch schon Texte. Zum Beispiel hat Linus Geburtstag. Und es gibt ein Weihnachtsfest. Aber ich weiß noch nicht, wann ich das mache.

Kinderbuch-Fuchs: Welche Herzensprojekte liegen denn aktuell für Sie an?

Rotraut Susanne Berner: Es gibt noch meine Serie Karlchen. Den gibt es schon sehr lange. Aktuell mache ich den elften Titel. Karlchen ist ein Phänomen. Er ist erfolgreich, hat aber nie den Peak wie die Wimmelbücher erreicht. Die Geschichten um Karlchen haben immer einen kleinen Subtext. Die Buchhändler sagen manchmal, es sei zu intellektuell. Im Moment arbeite ich am Buch „Gute Reise, Karlchen.“, in dem er mit den Eltern eine Zugfahrt unternimmt. Er ist ein kleiner Junge mit Kaninchenohren und ist mir sehr ans Herz gewachsen.

In diesem Jahr wird die Illustratorin 70

Kinderbuch von Fritz Baumgarten

Mit Büchern wie diesem von Illustrator Fritz Baumgarten ist Rotraut Susanne Berner aufgewachsen. © Titania

Kinderbuch-Fuchs: Haben Sie selbst Lieblingskinderbücher?

Rotraut Susanne Berner: Die Bücher mit denen ich aufgewachsen bin, waren oft kitschig, haben mich aber sehr geprägt. Zum Beispiel die Zwerge und Wichtel von Baumgarten. Die Geschichten sind unspektakulär, aber die Zeichnungen sehr liebevoll. Aber diesen Kitsch gibt es ja heute auch, wenn ich an Lilifee oder Einhörner denke. Als ich lesen konnte, habe ich mich mit Erich Kästner auseinandergesetzt, deswegen war Walter Trier mein Lieblingsillustrator. Er ist für mich nach wie vor ein großer Künstler und mein großes Vorbild.

Kinderbuch-Fuchs: Sie sind jetzt 69 Jahre alt und könnten auch in Rente gehen.

Rotraut Susanne Berner: Warum sollte ich? Das wäre mir zu langweilig. In diesem Jahr habe ich einen runden Geburtstag, deswegen wird es einige Ausstellungen geben. Eine in Hannover im Wilhelm-Busch-Museum, eine in München in der  Internationalen Jugendbibliothek und als Herausgeberin der Reihe „Die Tollen Hefte“ , wird es anlässlich der 50. Ausgabe im Troisdorfer Bilderbuchmuseum eine Retrospektive geben.  Das 49. Heft mit dem Titel „Schlaraffenbauch“  mit Gedichten von Michael Hammerschmid, ist gerade mit meinen Illustrationen bei der Edition Büchergilde erschienen.

Kinderbuch-Fuchs: Vielen lieben Dank für Ihre Zeit und alles Gute für Sie, Frau Berner.

Am 26. August  hat Rotraut Susanne Berner übrigens Geburtstag und wird 70. Weitere Infos zu ihren Büchern findet ihr hier. 

Mehr zum Thema: Lies hier unsere Rezension zum Sommer-Wimmelbuch sowie zu den Geschichten aus Wimmlingen.

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