Susanne Straßer im Interview

Susanne Straßer im Interview: Ihre Arbeitstechnik, ihre total verrückte Lieblingsfigur & Tipps für Kinderbuch-Newcomer

Susanne Straßer

Susanne Straßer bringt im Herbst 2018 ein weiteres Kinderbuch raus.

In München treffe ich (alias Mama Fuchs/Hella) Illustratorin und Autorin Susanne Straßer zum Interview . Susanne Straßer kommt auf die Minute pünktlich mit dem Fahrrad zum Café. Sie hat ein Lachen im Gesicht, das fällt zuerst auf. Überhaupt ihr Lachen, ihr ehrliches Lächeln. Im Gespräch spürt man sofort die positive Denkweise. Sie wirkt glücklich, ausgeglichen und erfüllt von ihrer Arbeit als Kinderbuchillustratorin und Autorin. Die 41-Jährige ist schon lange Illustratorin. Der ganz große Erfolg kam mit ihren Kinderbüchern wie „So weit oben“ oder „So leicht so schwer“. Mittlerweile werden ihre Pappbilderbücher in elf Ländern verlegt – unter anderem in den USA, China und Russland. Susanne Straßer im Interview: Bei einem Kaffee erzählte mir die Mutter von zwei Söhnen (4 Jahre, 7 Jahre), wie sie arbeitet,  wie sie mit einem kreativen Tief umgeht und was sie Kinderbuch-Illustratoren rät, die ihr erstes eigenes Buch rausbringen wollen. Außerdem zeigt sie ihre ganz persönliche Lieblingsfigur, die ziemlich durchgeknallt ist. Viel Spaß mit dem Interview mit Susanne Straßer.

Susanne Straßer im Interview: „Ich wundere mich über meine Geduld von früher“

Kinderbuch-Fuchs.de: Hallo Susanne. Seit wir „So weit oben“ von Dir entdeckt haben, sind wir ganz vernarrt in Deine Bücher. Sowohl die Texte als auch die Illustrationen sind wirklich einzigartig. Kann man es eigentlich lernen, so großartig zu zeichnen oder ist das Talent?

Susanne Straßer: Talent gehört natürlich dazu. Aber es ist auch Handwerk – „Zeichnen, zeichnen, zeichnen“ das gab mir mein Professor aus der Zeichenschule mit auf den Weg. Man kann üben so wie ein Sportler. Ich merke es selbst, dass ich schwer wieder ins Zeichnen komme, wenn ich länger pausiere. Je mehr man übt, desto besser wird man.

So weit obenKinderbuch-Fuchs.de: Wenn Du Deine Bilder von früher und heute vergleichst, was ist der Unterschied?
Susanne Straßer: Wenn ich mir die Zeichnungen aus der Zeichenschule anschaue, wundere ich mich über die Geduld, die ich hatte. Damals malte ich 20, 30 Stunden an einem Bild. Mit feinstem Bleistift zeichnete ich fast fotorealistische Stillleben. Das war etwas ganz anderes. Ich weiß gar nicht, ob ich das heute noch könnte. Ich bin mittlerweile viel reduzierter und abstrahierter in meiner Arbeit.

Kinderbuch-Fuchs.de: Du gehörst zu den wenigen Illustratoren, die selbst schreiben…
Susanne Straßer: Ja, genau. Das Konzept, die Texte und die Illustrationen kommen immer öfter von mir. Ich nähere mich dem Schreiben langsam.

Susanne hatte die Wahl: „So weit oben“ kam bei vielen Verlagen gut an

Kinderbuch-Fuchs.de: Dein lautmalerischer Stil ist sehr ansprechend…
Susanne Straßer: Das erste Pappbilderbuch entstand als mein erster Sohn klein war. So kam ich mit vielen Büchern dieser Art in Berührung und konnte mich damit auseinandersetzen. Ich habe gemerkt, wie gut die lautmalerische Sprache, das Wiederholen und das Redundante bei meinem Sohn ankamen.

Kinderbuch-Fuchs.de: Wie entsteht ein Buch wie „So weit oben“ – hast du zuerst die Figur im Kopf, den Text oder ein Bild?
Susanne Straßer: Zuerst war die Idee da – oben ist das Haus und jemand kann etwas nicht erreichen. So geht es ja vielen Kindern.  Oben liegen die interessanten Dinge, die sie nicht erreichen können. Daraus habe ich ein kleines Storyboard mit Bildchen erstellt und eine erste Fassung des Textes geschrieben und das Ganze bei der Buchmesse vorgestellt. Überraschenderweise waren viele Verlage an der Geschichte interessiert.

Kinderbuch-Fuchs.de: Wie hast du dich dann für einen Verlag entschieden?
Susanne Straßer: Mir war es wichtig, dass das Buch als dickes Pappbuch für die Kleinen rauskommt. Mit einigen Verlagen kam ich deswegen nicht zusammen. Mit dem „Peter Hammer“-Verlag hat es dann zum Glück geklappt.

Susannes besondere Technik: So funktioniert Monographie

Monotypie

Monotypie – Schritt eins: Die Glasplatte wird mit Farbe gewalzt

Kinderbuch-Fuchs.de: Wie arbeitest Du eigentlich – malst du, zeichnest du, wie entsteht Dein Buch?
Susanne Straßer: Ich arbeite häufig mit einer besonderen Technik. Wenn Du Dir das Buch ansiehst, kannst Du erkennen, dass die Konturen krisselig sind. Das kommt von einer Drucktechnik, die sich Monotypie nennt. Man nimmt eine Glasplatte, walzt diese mit Linolfarbe ein, legt vorsichtig ein Blatt Papier darauf und zeichnet auf die Rückseite. Wenn man das Blatt umdreht, sieht man auf der anderen Seite die Kontur. Dann scanne ich die Drucke ein. Am Rechner hinterlege ich diese dann mit Texturen und coloriere das Ganze.

Monotypie Zeichnen

Monotypie – Schritt zwei: Susanne zeichnet vorsichtig auf der Platte

Kinderbuch-Fuchs.de: Puh, da brauchst Du ja schon fast eine Werkstatt.
Susanne Straßer: Ich habe einen eigenen Raum in der Wohnung dafür, muss aber aufpassen, dass der nicht zur Rumpelkammer wird (lacht). Ich habe dort einen Tisch für die Drucke und einen für den Rechner, ansonsten stapeln sich dort viele Dinge.

Monotypie Zeichnung Ergebnis

Monotypie Schritt 3: Dieses Bild kommt heraus und wird von Susanne weiter am PC bearbeitet

Kinderbuch-Fuchs.de: Wie lange brauchst Du in etwa für ein Buch?
Susanne Straßer: Schwierig zu sagen. Für ein Projekt kalkuliere ich etwa drei Monate ein. Die Technik der Monotypie ist recht tückisch, da kann ein Bild durchaus mal länger dauern. Ein paar Tage sitze ich schon an einem Bild. Es muss ja auch noch bearbeitet werden. Am Ende gebe ich alles digital ab.

Kinderbuch-Fuchs.de: Und wenn Du ein absolutes kreatives Tief hast…
Susanne Straßer: Ich schaue mich um, besuche zum Beispiel Ausstellungen und lasse mich anstecken. Wenn mir gar nichts einfällt, lasse ich es auch mal liegen. Nach ein bisschen Abstand funktioniert es besser. Manchmal muss ich auch mal fünfe gerade sein lassen, auch wenn ich nicht 100% zufrieden bin.

Dieser durchgeknallte Hase ist ihre Lieblingsfigur

Kinderbuch-Fuchs.de: Hast Du denn aus all Deinen Büchern eine Lieblingsfigur?
Susanne Straßer: Ein Hase aus meinem allerersten Buch. Das ist meine Diplomarbeit gewesen – ein Bilderbuch für Erwachsene. Der Hase hält sich eine Knarre an den Kopf. Außerdem mag ich die Prinzessin aus einem meiner ersten Bücher. Die Geschichte hat mich länger begleitet. Das Ganze verschwand lange in meiner Schublade bis die Figur von einem Verlag auf meiner Webseite entdeckt wurde und das Buch verlegen wollte. Daraufhin habe ich alles noch einmal neu gezeichnet.

Gwendolin Hase

Dieser Hase mit Knarre ist Susanne Straßers Lieblingsfigur

Kinderbuch-Fuchs.de: Insgesamt habe ich als Leserin das Gefühl, dass Deine Illustrationen sehr modern und zeitgemäß sind.
Susanne Straßer: Ich weiß es gar nicht so genau. Manchmal denke ich, ich sitze einfach in meinem stillen Kämmerlein und mache die Dinge so für mich… Ich probiere auch gerne einmal etwas Neues aus.

Im neuen Bilderbuch geht es um einen Wal

Kinderbuch-Fuchs.de: Deine Geschichten haben immer einen besonderen Dreh, eine Überraschung. Wie kommst du auf Deine Ideen?
Susanne Straßer: Meistens habe ich relativ schnell eine Idee. Aber dann komme ich ins Grübeln und frage mich, welche Version die Beste ist. So etwas fällt mir dann zwischendurch ein oder meine Kinder bringen mich auf eine Idee. Für mein neues Buch, das im Herbst rauskommt, hatte ich für das Ende acht oder neun unterschiedliche Versionen.

Kinderbuch-Fuchs.de: Was kannst Du uns denn schon über das Buch erzählen?
Susanne Straßer: Es geht um einen Wal in der Badewanne.

Kinderbuch-Fuchs.de: Deine Bücher erscheinen weltweit. Hast du schon Feedback bekommen, wie Deine Kinderbücher z.B. in den USA laufen?
Susanne Straßer: Der Markt ist für deutsche Bücher generell schwierig. In den USA herrscht auch eine andere Bildsprache. Ich habe aber gehört, dass es eine gute Besprechung in einem wichtigen Magazin gab und eine Bloggerin hat eine süße Rezension geschrieben. Überraschend war, dass das Format von „So weit oben“ verändert wurde, das Buch ist ziemlich geschrumpft. Es sieht aber hübsch aus.

Als Kind liebte Susanne Straßer Märchen und Wilhelm Busch

Kinderbuch-Fuchs.de: Welche Bücher mochtest Du als Kind gerne?
Susanne Straßer: Ich habe Pixi-Bücher geliebt. Außerdem habe ich viele Märchen gelesen. Meine Oma schenkte mir eine „Grimms Märchen“-Sammlung, die ich wie einen Schatz gehütet habe. Auch Klassiker wie Struwelliese und Struwelpeter mochte ich. Außerdem finde ich Wilhelm Busch toll.

Hella Brunke und Susanne Straßer

Susanne Straßer im Interview: Hella Brunke (l.) von Kinderbuch-Fuchs.de und Illustratorin Susanne Straßer (r.) im Gespräch

Kinderbuch-Fuchs.de: Hast Du denn selbst Illustratoren- als Vorbilder?
Susanne Straßer: Nein, ich finde viele Kollegen gut, da möchte ich mich nicht festlegen. Wenn es geht, kaufe ich auch mal das ein oder andere Bild. Als ich noch studierte, haben mir die Bilder von Wolf Erlbruch sehr gut gefallen, das tun sie noch, aber das Wort Vorbild ist zu hoch gegriffen.

Kinderbuch-Fuchs.de: Und Deine Kinder? Haben Deine Söhne Lieblingsbücher?
Susanne Straßer: Es gibt immer mal wieder Favoriten, die verschwinden aber genau so schnell wieder. Manche typischen Charaktere halten bei uns auch Einzug. Um Feuerwehrmann Sam zum Beispiel kommen wir auch nicht rum. Es darf auch mal ein Bobo Siebenschläfer oder ein „Käpt’n Sharky“-Buch sein. Ich lehne das nicht rigoros ab. Es ist geschmacksbildend, wenn man verschiedene Sachen sieht. Mein Großer ist jetzt sieben Jahre alt. Er liebt „Die drei ??? Kids“ und möchte momentan am allerliebsten Harry Potter lesen. Und bei meinem Kleinen, der vier Jahre alt ist, ist derzeit Jim Knopf angesagt.

Susannes Tipps für Kinderbuch-Newcomer

Kinderbuch-Fuchs.de: Mit all den Erfahrungen, die Du jetzt gesammelt hast: Was würdest Du jemanden raten, der ein Kinderbuch rausbringen möchte?
Susanne Straßer: Gut ist, erst mal ein Konzept zu machen. Dann sollte man schauen, zu welchem Verlag die Illustratoren bzw. die Texte stilistisch passen. Als zweiten Schritt würde ich auf Messen entweder im Vorfeld einen Termin ausmachen oder mich auf Mappenterminen vorstellen. Da steht man zwar in der Schlange mit vielen anderen, aber man hat schon einmal einen ersten Kontakt. So habe ich es auch gemacht.

Kinderbuch-Fuchs.de: Für dich ist das Zeichnen und Schreiben von Kinderbüchern sicher keine brotlose Kunst mehr, oder?
Susanne Straßer: Das mit den Pappbüchern läuft wirklich gut, aber Hauptverdiener bin ich bei uns auch nicht (lacht). Abgesehen davon, bin ich nachmittags hauptsächlich für die Kinder da. Nur wenn ich kurz vor dem Abgabe-Termin stehe, wird es manchmal etwas brenzlig und ich muss mich zusätzlich abends und an den Wochenenden zum Arbeiten zurückziehen. Insgesamt bin ich mit der momentanen Situation sehr glücklich und weiß auch die Freiheiten zu schätzen, die ich mir erarbeitet habe.

Kinderbuch-Fuchs.de: Vielen Dank, dass Du Dir Zeit für uns genommen hast. Wir freuen uns sehr aufs nächste Buch und wünschen Dir weiterhin alle Gute.

Wer über weitere Projekte von Susanne Straßer informiert sein möchte, klickt sich am besten auf ihre Webseite.

Hier kannst Du unsere Rezension zu „So weit oben“ lesen.

Bilder: Susanne Straßer privat, Peter Hammer Verlag, Hella Brunke

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